REPORTAGEN

1. Infotag an den Parzellen 2021

Was alles auf Brandenburger Äckern wachsen kann

 

Es gilt als abgedroschen, ein Gespräch oder einen Text mit dem Wetter zu beginnen. In diesem Fall passt es. Am 18. Juni 2021 veranstaltete das Forum „Landwirtschaft im Dialog“ den Infotag an den Parzellen – am bis dahin heißesten Tag des Jahres. War das Frühjahr noch kalt und regnerisch verlaufen, kam die Hitzewelle Anfang Juni ziemlich früh. Somit ließ sich das Wetter am Infotag als ein Stichwortgeber für die Veranstaltung sehen. Denn auf 69 Parzellen verteilt, zeigten die Organisatoren den gekommenen Landwirten, was alles auf Brandenburger Äckern wachsen kann. Dabei ging es um Standard-Kulturen, aber auch ausgefalleneres, das sich angesichts wandelnder Märkte, aber auch eines sich wandelnden Klimas – siehe Hitzewelle – anbietet.

Etwa 50 Männer und Frauen aus der Landwirtschaft waren der Einladung zum MAFZ-Gelände in Paaren im Glien gefolgt. Die hier normalerweise stattfindende BraLa wurde coronabedingt abgesagt, die dafür angelegten Parzellen aber widmete „Landwirtschaft im Dialog“ um, sprich, baute eine eigene Veranstaltung. Das Forum „Landwirtschaft im Dialog“ besteht aus dem Bauernverband Brandenburg und der Koordinierungsstelle Versuchswesen mit Sitz im ILU. Die Kooperation sieht es als eine Aufgabe, Fachwissen für die landwirtschaftlichen Betriebe besser verfügbar zu machen. Eine Methode ist, einen Infotag an den Parzellen zu veranstalten.

Bauern und Verarbeiter zusammenbringen

Durch den Tag führten in erster Linie Dr. Andreas Muskolus, Leiter der Versuchsstation Berge und Maxie Grüter, Projektleiterin bei der Koordinierungsstelle Versuchswesen im ILU. Muskolus und Mitarbeiter der Station Berge hatten die Parzellen angelegt und gepflegt und Grüter die Sortenauswahl mit betreut und einen Parzellenführer erarbeitet. Beide begrüßten die zahlreichen Gäste, die sich unter schattigen Bäumen eingefunden hatten.

Bevor es auf das Feld ging, stellte Paavo Günther, geschäftsführender Vorstand bei der Firma Havelmi, sein Produkt vor. Die im Jahr 2019 gegründete Genossenschaft produziert seit Juli 2020 einen Haferdrink. „Der Grundgedanke war, ein regionales Produkt zu entwickeln, als Äquivalent zur Kuhmilch“, erklärt Günther. Das Produkt ist erfolgreich, dennoch benötigt die Firma aus Beetzseeheide weit mehr Kunden, um profitabel zu sein. Zudem tüfteln die Gründer an zusätzlichen Geschmacksrichtungen. Der aktuelle Drink wird mit Bio-Hafer angesetzt, wofür Havelmi noch Sonnenblumen-Produzenten sucht. Derzeit sei man außerdem auf der Suche nach Landwirten, die Buchweizen und Amarant anbauten, so der Geschäftsführer. Der Sinn des Infotages an den Parzellen ist eben auch, Bauern und Verarbeiter zusammenzubringen. Amarant stand nun nicht auf einer der Parzellen, dafür andere interessante Ackerfrüchte.

Auf vier größeren Parzellen wuchsen unterschiedliche Sorten an Winterroggen, -weizen, -triticale und -gerste, die vom Landesamt für Ländliche Entwicklung (LELF) in den üblichen Sortenversuchen getestet worden waren. Auch Sommerweizen, darunter die zunehmend beliebter werdende Art Durum und die erstmals für Europa zugelassene Dinkel-Sorte Wirtas, wogte gut entwickelt unter der Sonne.
Leguminosen waren natürlich auch ein Thema: Soja wurde mit und ohne Impfung mit den wichtigen Knöllchenbakterien auf den Parzellen etabliert. Darunter handelsübliche, aber auch hier heimische Bakterienstämme. Wie gut sich Soja hierzulande anbauen lässt, erforscht das Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) intensiv. Auch Kichererbsen könnten sich als Renner auf Brandenburgischen Äckern erweisen. Doch hierfür bedarf es noch einiger Erfahrungen, machte Dr. Thomas Gäbert von der Agrargenossenschaft Trebbin deutlich, die Kichererbse seit ein paar Jahren anbauen. So müsse die Saat immer noch geimpft werden, da die vergesellschafteten natürlichen Knöllchenbakterien kaum im heimischen Boden vorhanden seien, Saatgut sei nur eingeschränkt verfügbar, zudem tauchten begleitende Beikräuter wie Stechapfel plötzlich auf den Äckern auf. Auch gebe es bei der Erntetechnik noch Verbesserungsbedarf. Die Kichererbse sei zwar frostempfindlich, aber „sehr gut auf starke Strahlung eingestellt“. Noch sei die Vermarktung schwierig, doch generell eigne sich die Kichererbse für hiesige Standorte. Weniger schwierig ist die Vermarktung der weißen Lupine. Diese liegt mittlerweile in Anthraknose-resistenten Züchtungen vor und erfreut sich wachsender Beliebtheit, wusste Holk Bellin von DSV-Saaten.

Die Alternative Silphie

Wiederum selten anzutreffen: Öllein. Diese gesunde Ölfrucht passt gut zu Brandenburg, dennoch gilt die Anbaufläche als deutlich rückläufig. Öllein kommt mit tiefreichenden Wurzeln gut auf Sand zurecht und der Pflegeaufwand fällt gering aus. Allerdings fehlen zugelassenen Herbizide und der Schädling Erdfloh kann Probleme bereiten. Es empfiehlt sich aufgrund einer schwierigen Marktlage der Vertragsanbau. Auch die trockentolerante Ölfrucht Rizinus wurde vorgestellt, die gut auf die hiesigen Standorte passt und deren Öl gute Preise erzielt. Allerdings ist zu beachten, dass die Samen das hochgiftige Rizin beinhalten, der Presskuchen zum Beispiel nicht verfüttert werden darf.

Gut auf leichten Böden, aber auf Sand schwer zu etablieren, und gegen Beikräuter helfen für Mais zugelassenen Mittel: Die Rede ist von der Durchwachsenen Silphie. „Sie braucht viel Zuwendung zu Beginn, kommt dann aber ohne Pflanzenschutz zurecht“, so Stefan Schulze-Bergcamen, Geschäftsführer der Gollwitzer Agrar GmbH. Als Biogas-Alternative zum Mais erbringe sie bis zu 40 Tonnen pro Hektar Ertrag, sei mit der auffälligen Blüte für Insekten interessant und habe als Faserpflanze das Potenzial, Plastik zu ersetzen. Auch Stefanie Peters von der Agro-Farm GmbH Nauen füttert eine Biogasanlage – mit Zuckerrübe. Der Zucker-Markt erwies sich als nicht mehr lukrativ, also schwenkte das Unternehmen um, und machte die Rübe in der Biogasanlage erfolgreich zu einer anderen Art der Energie.

Doch auch klassischer Mais wurde gezeigt, wenn auch mit einer ungewöhnlichen Pflegemethode. Michael Baumecker, Agraringenieur an der Lehr- und Forschungsstation in Thyrow, schiebt, nachdem der Mais aufgelaufen ist, die umgebende Erde zu Dämmen auf, ähnlich Kartoffeldämmen. So lässt sich der Mais besser Striegeln und Hacken.

Derzeit große Chancen werden dem Hanf zugesprochen. Tatsächlich beschloss jüngst der Landtag, den Anbau dieser Pflanze in Brandenburg fördern zu wollen. Hintergrund: Der Anbau von Hanf ist aufgrund mancher Inhaltstoffe, die unter das Betäubungsmittelgesetz fallen, nur mit strengen Auflagen möglich. Viele Bauern schrecken vor dem Geflecht aus Regelungen zurück. Faktisch sei es derzeit kaum möglich, viele Hanfprodukte legal zu vertreiben, erklärte Dr. Wilhelm Schäkel, der auf seiner Bio Ranch Zempow seit 2015 Hanf anbaut und zum Beispiel Körner sowie Blätter nutzt. Er sieht in dieser Kultur aber ein Riesen-Potential insbesondere für Brandenburg, wo das Havelland als die Wiege des Hanfanbaus gelte. Er empfiehlt für die ackerbauliche Behandlung vorsichtiges Striegeln und zweimaliges Hacken sowie einen Schröpfschnitt. Zudem sollten Landwirte auf Vertragsanbau setzen, da der Markt großen Schwankungen unterworfen sei.

Naturschutz auf dem Acker

Einen eher neuen Ansatz verfolgt Dr. Holger Pfeffer vom Landschaftspflegeverband Brandenburg. Er stellte Mais im Gemenge mit Stangenbohnen vor. Diese naturnahe Anbaulösung entstand im Rahmen des Projektes F.R.A.N.Z., das so mehr Raum für Wildtiere- und Pflanzen schaffen möchte. Die Bohne bietet ein Blütenangebot für Insekten und liefert als Leguminose luftgebundenen Stickstoff, wodurch sich der Dünger reduzieren lässt. Allerdings gab Holger Pfeffer zu bedenken, dass die Bohne mehr Wasser und Wärme benötige als Mais, weshalb sie angesichts der vergangenen Trockenjahre leidet. Zudem eigne sich die konkurrenzschwache Art nicht auf mit Distel verunkrauteten Flächen.

Für Landwirte, die sich dem Naturschutz widmen wollen, bieten sich zudem Saatmischungen für Grünland an. So stellte Johannes Hofstätter, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Eberswalde (HNEE), zwei Wiesentypen vor, eine gedüngte und eine ungedüngte Variante: Während erstere einen dreimaligen Schnitt erlaubt, bietet die ungedüngte Wiese nur zwei Schnitte, stellt durch den lockeren Stand aber weiteren Beikräutern Raum bereit, die zudem Futter für Insekten und Wirbeltiere darstellen.

Apropos Dünger. Auf drei Parzellen verglich das Institut für Agrar- und Stadtökologische Projekte (iASP), Betreiber der Versuchstelle Berge, die Düngewirkung aus Nährstoffrecycling wie Mineraldünger aus Gülle sowie Biogas-Gärrest. Ebenso kam auf einer Parzelle Struvit zum Einsatz. Diese Kristalle werden in Kläranlagen ausgefällt und enthalten Phosphor. Die Firma Soepenberg, die Düngemittel aus diversen Reststoffen gewinnt, bietet Struvit-Pellets, die in Berge aktuell getestet werden. Struvit könnte zu einem Dünger für die Biolandwirtschaft werden.

Alles in allem war der Infotag an den Parzellen ein heißer, aber kommunikativer Tag. Nicht nur Landwirte trafen sich vor Ort, auch Hersteller von Produkten, Verarbeiter von Rohstoffen und Saatguthersteller. Vielleicht ließ sich auch ein Bauer oder eine Bäuerin inspirieren, eine neue Ackerkultur auf den eigenen Feldern auszuprobieren. Das wäre dann ein voller Erfolg. Der 2. Infotag an den Parzellen ist für den 15. Juni 2022 geplant.

Text/Bilder: Julian Delbrügge

Ein paar Eindrücke von der Veranstaltung finden Sie in der Galerie: