Alleen im Klimawandel
2. Alleentagung setzt wichtige Themen

Brandenburg ist ein Alleenland. Diese bekannte Tatsache ist allerdings kein Selbstläufer. Die Bäume beidseitig der Brandenburger Straßen nehmen eher ab. Aus unterschiedlichen Gründen.

Die Alleen in Brandenburg haben Probleme. Ein Grund für die Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau und Arboristik (LVGA) in Großbeeren südlich von Berlin, am 31. März die 2. Alleentagung – Fachtagung für Alleen und Straßenbäume zu veranstalten. Dafür hatte sich die LVGA mit Partnern wie dem Förderverein Baukultur Brandenburg, dem Fachverband für Garten- und, Landschaftsbau für Berlin und Brandenburg (FGL), Umweltverbänden und dem Institut für Lebensmittel- und Umweltforschung (ILU) zusammengetan. Für die LVGA als Veranstaltungsort sprach vieles: Unter anderem werden dort Arboristen ausgebildet, die Einrichtung betreut das Projekt „Brandenburgische Alleen im Klimawandel“ und vor Ort wird das Landeskompetenzzentrum für Alleen eingerichtet.

Alleen-Projekt und Kompetenzzentrum fördert das Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Klimaschutz (MLUK), weshalb auch dessen Chef, Brandenburgs Landwirtschaftsminister Alex Vogel, die Alleentagung eröffnete. Er betonte die Bedeutung von Alleen als Kulturgut, für den Naturschutz und Biodiversität sowie nicht zuletzt als kühlenden Schattenspender: „Ich werde das Hohelied der Alleen singen“, fasste es Vogel zusammen. Wie lange sich die Alleen durchs Land ziehen, stellte auf der Tagung Prof. Dr. Jürgen Peters von der Hochschule Eberswalde vor: Ein Kartierungsprojekt der Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) hatte 4.300 Alleen-Kilometer in Brandenburg erfasst – fast ¼ des Straßennetzes, wusste der Minister.

Doch die Baumreihen sind gefährdet: Grundsätzlich stammen ein Großteil der Alleen aus den 30er Jahren, gelten somit als überaltert. Zudem fielen einige Alleen der Verkehrssicherheit zum Opfer, zuletzt machen der Klimawandel mit langen Trockenperioden den Bäumen zu schaffen. Tatsächlich  liegt Brandenburg bei den Neuanpflanzungen nicht so im Plan wie gewünscht. Das Ziel von jährlich 30 Kilometern wird durch fehlende Flächen und Vorgaben gebremst. Beispielsweise sollen Alleebäume vier Meter Abstand zur Straße und zwei Meter zu Feldern haben, denn Bäume, die zu nah am Feld stehen, leiden unter Beschädigungen durch landwirtschaftliche Maschinen, wie Frank Schmidt vom Landesbetrieb Straßenwesen, berichtete. Auch der Bau von Versorgungsleitungen unter Bäumen hindurch sorge für Wurzelschäden. Dabei lägen die Pflanz- und Pflegekosten pro Baum bei 1.500 Euro rechnete Schmidt vor. Eine dauerhafte Förderung für Brandenburgs Alleen sei deshalb sinnvoll.

Brandenburg will das Problem angehen, zum Beispiel mit der Förderung genannter LVGA-Projekte, auch sollen Kreisstraßen stärker in die Alleen-Ausweitung mit einbezogen werden, führte Minister Vogel aus.

Ausdrücklich gelobt wurde das Land Mecklenburg-Vorpommern, unter anderem von Reinhold Dellmann, Verkehrsminister a. D. und Beisitzer im Förderverein Baukultur, der die Veranstaltung moderierte und sich besonders für den Alleenerhalt einsetzt. Denn dort haben Alleen Verfassungsrang. In seinem Vortrag erklärte Dr. Sven Reiter vom dortigen Landesamt für Straßenbau und Verkehr, dass Mecklenburg-Vorpommern jährlich 350.000 Euro ausgebe, nur für Alleenkonzepte. Zudem bezieht die Behörde auch Landstraßen und landwirtschaftliche Wege mit in die Alleenpflanzungen ein und übernimmt für Kommunen die Neubegründung von Alleen von Planung bis Pflanzung. Nach fünf Jahren übernimmt die Kommune die Bäume, die Kosten dafür sind vertraglich geregelt. Mit all diesen Ideen konnten in den vergangenen 20 Jahren 125.000 Bäume gepflanzt werden.

Um nun den eigenen Alleen gerecht zu werden, entsteht an der LVGA das Landeskompetenzzentrum Alleen. Es soll die Branche beraten, für Wissenstransfer und Impulse für das Versuchswesen sorgen. Und die Fachinformationen dürfen gerne fließen, wenn es nach dem Sachverständigenbüro für urbane Vegetation geht. In seinem Vortrag zeigte Gründer Dr. Markus Streckenbach eindrückliche Bilder umgestürzter Stadtbäume, deren Wurzeln zum Beispiel kaum ausgeprägt waren. Ein Grund: Stadtbäume würden regelmäßig falsch gepflanzt, bekämen zu wenig Platz, keinen Kontakt zum Wasserfluss und die Wurzeln könnten sich den Erdraum nicht erschließen, führte Streckenbach aus. Zudem müsse beim Städtebau darauf geachtet werden, Wasser pflanzenverfügbar zu machen, statt es schnell abzuführen.

 

Zürgelbaum und Stinkesche

Aber auch bei der Baumartenwahl gebe es weit mehr Möglichkeiten. Insbesondere Spitzahorn, Eichen und Linden wachsen derzeit an den Straßen. Doch viele Baumarten leiden unter Hitze und Trockenstress, Extremniederschlägen, Zunahme von Stammrissen durch Frost und Sonnenbrand, erhöhter Spätfrostgefahr, höhere Anfälligkeit für Insekten und Pilze, darunter neue Schaderreger. All diese Gefahren zählte Dr. Matthias Zander von der Technischen Universität Berlin auf. Im Rahmen einer seit Jahren bestehenden Forschungskooperation, um angesichts des Klimawandels Baumsortimente für die zukünftige Stadtbepflanzung zu finden, stellte er zahlreiche Projekte vor. So wurden in den Jahren 2013 und 2017 auf sieben Standorten in Deutschland 49 beziehungsweise 36 Arten und Sorten angepflanzt. Beispielsweise zeigte sich an allen Standorten der in Nordamerika beheimatete Westliche Zürgelbaum (Celtis occidentalis) als eine der vitalsten Arten, ebenso die aus Asien stammende Samthaarige Stinkesche (Tetradium daniellii). Wenn alle Kriterien wie Stammzuwachs, Frostempfindlichkeit oder  Baumschuleignung bewertet wurden, zeigte sich der Chinesischer Wald-Ahorn (Acer truncatum ‚Pacific Sunset‘) als Standortsbester.

Ein weiteres Projekt – Stadtgrün 2021 – betreut Dr. Susanne Böll von der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) in Veitshöchheim in Unterfranken: Hierbei wurden Bäume unter anderem aus Südosteuropa auf Kriterien wie Hitze- und Trockenstress sowie Austriebverhalten untersucht. Gewählt wurden die Wuchsstandorte Würzburg, Hof und Kempten. Ein Ergebnis der jahrelangen Arbeit: Die Ungarische Eiche (Quercus frainetto) kommt gut mit der Trockenheit und Hitze in der Stadt zurecht. Auch wächst der Japanischer Schnurbaum (Styphnolobium japonicum) und die Schmalkronige Stadt-Ulme (Ulmus Lobel) gut. Nicht so stressresistent zeigte sich beispielsweise der Eisenholzbaum (Parrotia persica), der bei Wassermangel Laubschäden zeigte.

Ein großes Problem, stellte Böll fest, seien trockenheitsbedingte Salzschäden. Empfindlich gegen Streusalz seien unter anderem die Hainbuche (Carpinus betulus), und der Dreispitzahorn (Acer buergerianum), die somit nicht an Ausfallstraßen gepflanzt werden sollten.

Die bei uns häufige Hainbuche zeigte weitere Schwächen. Bei einer Temperatur in der Stadt von 40 Grad Celsius stellten die Wissenschaftlerin Strahlungsschäden auf den Blättern fest. Der Tipp von Susanne Böll: Die Hainbuche gehört in den Halbschatten, ihr ohnehin natürliches Habitat. Besser dagegen schlug sich die Hopfenbuche (Ostrya carpinifolia), die ihre Blatttemperatur besser kontrollieren kann. Ähnlich bei der Silberlinde (Tilia tomentosa). Sie dreht bei Hitze die Blätter senkrecht gegen die Sonne, zudem reflektiert die silberne Blattunterseite das Sonnenlicht und tieferliegende Stomata schützen vor zu viel Verdunstung. Die heimische Winterlinde (Tilia cordata) dagegen reagiert weniger agil: Bei ihr konnte das Team um Böll hohe Blatttemperaturen von oft über 40 Grad Celsius messen.

Alleen im Klimawandel

Es zeigt sich also: Das Angebot der Baumarten für das Stadtgrün lässt sich mit einigen neuen Arten erweitern. Mögliche kritische Anmerkungen von Seiten des Naturschutzes, wonach Insekten sich auf fremdländischen Arten weniger wohlfühlen würden, konnte Böll entkräften. Tatsächlich wies das Team um Susanne Böll 57 Wildbienenarten in den Kronen der untersuchten Baumarten nach, rund zehn Prozent aller Wildbienenarten in Deutschland. Wichtig sei aber, so die Wissenschaftlerin, dass die Bäume auf Grünstreifen stehen, als ein weiteres Habitat für Insekten.

Dass gegen Trockenheit oft nur Bewässern hilft, zeigte Alexander Borgmann gen. Brüser Seine Firma Arbor revital platziert Sensoren für ein sensorgestütztes Bewässerungsmanagement im Wurzelbereich von Bäumen. Dort messen sie die Wasserspannung des volumetrischen Wassergehaltes (Messung der Saugspannung im Boden, die Auskunft über die Feuchtigkeit im Boden gibt). Damit könne die Bewässerung von Stadtbäumen recht genau gesteuert werden und so Wasser sparen, beschrieb Borgmann.

Quasi das Gesamtpaket will zukünftig die LVGA selbst liefern. Deren Projekt „Brandenburgische Alleen im Klimawandel“ stellte die Projektverantwortliche Carolin Lenz vor. Der Plan ist, einen Sichtungsgarten anzulegen, was in Teilen schon geschehen ist, bei dem Kriterien wie Bewässerungs- und Pflegeaufwand schon mit geplant und untersucht werden. Ebenso erfasst das Forscher-Team Belaubung, Stresssymptome und Schädlingsaufkommen. Projektziel ist nicht nur ein Schulungsgarten und Informationsschnittstelle für die Branche, sondern auch eine Handlungsempfehlung und Prognose für künftige Alleenpflanzungen. Gute Nachrichten für Brandenburgs Alleen.

Text und Bilder Julian Delbrügge (ILU)