20. Dezember 2004

Toxikologie von Acrylamid: Konzentrations-/ Wirkungsbeziehungen von Acrylamid und Glycidamid in Humanblut

 

Aktueller Kenntnisstand

Im Zusammenhang mit der Aufnahme von Acrylamid in Lebensmitteln wird vor allem dessen kanzerogene und mutagene Wirkung diskutiert.
Acrylamid wurde an der Ratte als kanzerogen identifiziert, wobei die niedrigste kanzerogene Dosis bei 1000-2000 µg Acrylamid pro kg Körpergewicht und Tag lag.
Im Gegensatz dazu lösen potente Kanzerogene mit eindeutig Erbmaterial-schädigendem (genotoxischem) Mechanismus wie z.B. polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe, Aflatoxine oder Nitrosamine im Tierversuch Tumoren schon bei sehr viel geringeren Dosen aus. Beispielsweise führte die Exposition von Versuchstieren mit bestimmten Nitrosaminen schon im Bereich von 10µg/kg Körpergewicht zu erhöhter Tumorinzidenz.
Im Gegensatz zu solch potenten Kanzerogenen wurden bisher für Acrylamid mutagene bzw. genotoxische Effekte nur in sehr hoher Konzentration (mM bis M) bzw. sehr hoher Dosierung am Versuchstier (ab 30 000µg/kgKG) beschrieben.

Acrylamid wird im Organismus zu Glycidamid umgewandelt. Dieses durch Stoffwechselreaktionen gebildete Epoxid ist ein Stoff, der das Erbmaterial schädigen kann. Er wird im Wesentlichen für die krebserzeugende Wirkung von Acrylamid verantwortlich gemacht.
Für eine Bewertung der Toxikologie beim Menschen ist neben der oralen Bioverfügbarkeit von Acrylamid aus Lebensmitteln der Dosisanteil entscheidend, der bei gegebener Acrylamid- Exposition zu Glycidamid umgewandelt wird, anschließend das Erbmaterial erreicht und dort eine Schädigung auslöst.

Problemstellung

Ziel des Projektes ist es, auf der Basis einer Biomarker-gestützten Dosimetrie genotoxische Effekte in Humanblut zu erfassen und die Basis zur Risikobewertung von Acrylamid zu verbessern.
Acrylamid bildet u.a. Addukte mit dem endständigen Valin des Blutfarbstoffproteins Hämoglobin.
Diese im Blut ablaufende Reaktion von Acrylamid mit Hämoglobin kann zur Messung von Acrylamid-Expositionen benutzt werden. Außerdem besteht die Möglichkeit, über diesen Biomarker Expositionen zu simulieren, wie sie jenen aus Langzeitexpositionen von Acrylamid über Lebensmittel angenähert sind. Parallel zur Hämoglobin-Adduktbildung kann im Blut untersucht werden, ob Schäden am Erbmaterial in den Zellkernen der weißen Blutkörperchen (Leukocyten) beobachtet werden. Es ist hierbei für die Risikobewertung besonders relevant zu prüfen, ob die Reaktion von Acrylamid bzw. dessen Hauptstoffwechselprodukt Glycidamid im niedrigen Konzentrationsbereich bevorzugt mit dem Blutfarbstoff abläuft. Dies hätte die Konsequenz, dass erst bei Überschreiten einer Konzentration, bei der schon eine signifikante Adduktbildung von Acrylamid bzw. Glycidamid mit dem Blutfarbstoff zu beobachten ist, eine DNA-Schädigung nachweisbar wird.
Im vorliegenden Projekt werden deshalb Acrylamid bzw. Glycidamid zu Humanblut zudosiert und die Konzentrationsabhängigkeit der Adduktbildung am Hämoglobin vergleichend zur DNA-Schädigung gemessen.

Ergebnisse

Acrylamid induzierte im Modellsystem Blut in Konzentrationen von 1000 bis 6000 µM keine DNA-Schäden in Lymphocyten (gemessen im so genannten Comet Assay). Im Gegensatz zu Acrylamid wurden durch Glycidamid DNA-Schäden ab Blutkonzentrationen von 300 µM nachgewiesen. Durch Einsatz einer empfindlicheren Modifikation des Comet-Assays (Nachbehandlung mit Reparaturenzym) ließen sich DANN-Schäden noch ab einer Blutkonzentration von 10µM detektieren.
Ergänzend wurde das mutagene Potential von Acrylamid und Glycidamid in einem Mutagenitätstest (HPRT-Mutagenitätstest in V79-Säugerzellen) untersucht.
Acrylamid zeigte wiederum keine signifikante Erhöhung der Mutantenzahl in Konzentrationen bis 10000 µM. Glycidamid induzierte dagegen in Konzentrationen von 800 µM eine erhöhte Mutationsfrequenz.

Zusammenfassung

Für Acrylamid  wurde in keinem der verwendeten Testsysteme ein Hinweis auf direkte genotoxische Wirkungen erhalten. Im Gegensatz dazu induzierte Glycidamid im HPRT-Mutagenitätstest in V79-Zellen mutagene Wirkungen ab 800µM. Im System Humanblut wurden DNA-Schäden in den Lymphocyten ab einer Konzentration von 10 µM detektiert.

Von besonderer Bedeutung für die derzeit laufenden weiteren Arbeiten ist die Erfassung der Adduktbildung am Hämoglobin in niedrigen Konzentrationsbereich (<10µM) und der Vergleich mit der Induktion von DNA Schäden.

 

Universität Kaiserslautern (Fachrichtung Lebensmittelchemie / Umwelttoxikologie)
Erwin-Schroedinger-Straße Gebäude 52/322, 67663 Kaiserslautern

Ansprechpartner:

Herr Prof. Dr. G. Eisenbrand            eisenbra@rhrk.uni-kl.de

        Herr Dr. M. Baum                            mbaum@rhrk.uni-kl.de